Zwischen Liebe und Überforderung: Wenn Mamas Mutterschaft ehrlich hinterfragen

Zwischen Liebe und Überforderung: Wenn Mamas Mutterschaft ehrlich hinterfragen

Wenn Ehrlichkeit über Mutterschaft unbequem ist 

Ein Interview mit Influencerin Johanna Reiche

Christiane:
Liebe Johanna, ich freue mich sehr, dass du da bist. Danke für deine Zeit. Vielleicht stelle ich mich kurz vor: Ich bin Christiane, 35 Jahre alt, und habe gerade das Projekt Heldinnenzeit gestartet. Mein Fokus liegt auf Mamas. Ich möchte Frauen eine Bühne geben, die neben dem Mama-Sein etwas Besonderes aufbauen oder besondere Geschichten zu erzählen haben. So bin ich auch auf dich aufmerksam geworden.
Magst du uns erzählen, wer du neben dem Mama-Sein bist und was Mutterschaft für dich bedeutet?

Johanna:
Ich bin 28, Mama von Zwillingen, die bald vier werden. Ich arbeite als Pflegefachfrau in der Reha in der Schweiz. Ursprünglich habe ich Kinderkrankenpflege gelernt und würde gern wieder dahin zurück.
Nebenbei bin ich Influencerin auf Instagram und TikTok und spreche viel über Minimalismus. Ich zeige mein Leben, wie wir als Familie bewusst mit wenig Dingen leben, in eine kleinere Wohnung gezogen sind und nur behalten, was wir wirklich brauchen oder uns glücklich macht.
Mir ist vor allem wichtig, authentisch zu sein. Ich zeige auch schwierige Momente. Ich weine auch mal vor der Kamera. Das bringt Kritik, aber mir geht es um Aufklärung und Ehrlichkeit.


Zwischen Pflegeberuf, Mama-Sein und gesellschaftlichem Druck

Christiane:
Du arbeitest in der Pflege – ein emotional und körperlich extrem fordernder Job. Wie schaffst du das mit Kindern?

Johanna:
Ich arbeite im Wochenwechselmodell. Wenn ich die Kinder nicht habe, arbeite ich sechs bis sieben Tage durch. Wenn ich sie habe, bin ich komplett für sie da.
Eigentlich war mein Traum, in meiner Woche komplett für sie da zu sein. Aber das wird sich wahrscheinlich ändern müssen.


„Ich liebe meine Kinder. Aber ich hasse es, Mama zu sein.“

Christiane:
Du sprichst sehr offen über das Thema „Mutterschaft bereuen“. Wie hat sich das für dich entwickelt?

Johanna:
Ich würde es nicht als Fehlentscheidung bezeichnen. Viele verwechseln das. Wenn ich sage, ich bereue Mutterschaft, denken viele, ich bereue meine Kinder. Das stimmt nicht.
Ich liebe meine Kinder. Ich würde sie niemals hergeben. Aber wenn ich vorher gewusst hätte, wie Mutterschaft gesellschaftlich, finanziell und emotional wirklich ist, hätte ich mich wahrscheinlich gegen Kinder entschieden.

Die ersten eineinhalb Jahre bin ich komplett in der Mutterrolle aufgegangen. Aber als sie selbstständiger wurden, habe ich gemerkt, wie stark meine eigene Freiheit eingeschränkt wird.
Und vieles liegt an gesellschaftlichen Erwartungen:
Wenn Mütter ohne Kinder unterwegs sind, werden sie gefragt, wo die Kinder sind. Väter nicht.
Ich würde sagen, zu 90 Prozent ist mein Problem gesellschaftlich geprägt.


Der Wunsch nach Kindern – und der Druck dahinter

Christiane:
Wolltest du schon immer Kinder?

Johanna:
Ja. In meiner Familie war das selbstverständlich. Alle haben erwartet, dass ich Kinder bekomme.
Heute erlebe ich bei jüngeren Frauen viel mehr Bewusstsein. Viele entscheiden aktiv gegen Kinder – und das finde ich stark.
Ich glaube, ich hätte mich damals trotz Zweifel nicht gegen Kinder entschieden, weil der gesellschaftliche Druck zu groß war.


Beeinflusst diese Haltung deinen Alltag mit deinen Kindern?

Johanna:
Nein, nicht so, wie viele denken. Ich denke nicht ständig, dass ich bereue, Kinder zu haben.
Es gibt Momente, die jede Mama kennt – wenn man müde ist oder überfordert. Bei mir ist es eher das Gesamtbild.
Ich bin zusätzlich in Scheidung. Das macht alles komplexer.
Und manchmal fällt es mir schwer, mich zu freuen, wenn andere schwanger sind. Nicht aus Bosheit – sondern weil ich weiß, wie hart es sein kann.


Zwillinge, Mental Load und unsichtbarer Druck

Christiane:
Was ist das Schwerste für dich am Mama-Sein?

Johanna:
Der dauerhafte Druck.
Vor allem das Gefühl, zwei Kindern nie gleichzeitig gerecht werden zu können.
Und mein Perfektionismus. Minimalismus hilft mir, aber Kinder machen Chaos. Dieses tägliche Aufräumen fällt mir extrem schwer.
Und natürlich: der Verlust von Autonomie.
Kleine Dinge – wann esse ich, wann stehe ich auf – sind plötzlich nicht mehr frei entscheidbar.


Was hilft dir im Alltag?

Johanna:
Minimalismus. Weniger Dinge bedeuten weniger Stress.
Und ehrliche Gespräche mit anderen Mamas. Nicht die perfekte Fassade, sondern echte Gespräche.


Dankbarkeit trotz innerem Konflikt

Christiane:
Gibt es Dinge, für die du dankbar bist am Mama-Sein?

Johanna:
Für alles. Entwicklung, Geburt, Aufwachsen begleiten.
Meine Kinder geben mir unglaublich viel Liebe zurück. Das steht nie infrage.


Persönliches Wachstum durch Mutterschaft

Christiane:
Hat Mutterschaft dich verändert?

Johanna:
Ich habe extrem viel Respekt vor meiner eigenen Mutter bekommen.
Und Kinder sind ein Spiegel. Sie zeigen dir dein eigenes Verhalten. Dieses Wachstum hätte ich ohne Kinder wahrscheinlich nicht erlebt.


Was möchtest du anderen Mamas mitgeben?

Johanna:
Hört auf euer Bauchgefühl.
Ihr seid verantwortlich für euer Leben und eure Kinder.
Lasst euch nicht von Gesellschaft oder Familie unter Druck setzen.


Warum über „Regretting Motherhood“ gesprochen werden muss

Johanna:
Mutterschaft zu bereuen heißt nicht, seine Kinder nicht zu lieben.
Ich finde, wir müssen darüber sprechen.
Viele Menschen reagieren stark darauf – positiv wie negativ. Aber genau das zeigt, wie tabu das Thema noch ist.

Ich rede auch offen – kindgerecht – mit meinen Kindern darüber, wenn ich überfordert bin.
Emotionen zu zeigen ist wichtig. Für uns und für unsere Kinder.

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Herzlichen Dank an Johanna für ihre Zeit und ihre Offenheit!

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